AFDDFehlerlichtbogenBrandverhütungIEC 62606I7 2023

Wie ein AFDD funktioniert

Der AFDD (Brandschutzschalter, Fehlerlichtbogen-Schutzeinrichtung) ist die neueste Art von Schutzgerät in Wohnungsverteilern. Er schützt nicht vor Überstrom oder Fehlerstrom — er schützt vor Bränden durch elektrische Lichtbögen, Gefahren, die für LS-Schalter (MCB) und RCD unsichtbar sind.

3. Juni 2026·12 Min. Lesezeit·

Das Problem, das der AFDD löst

Europäische Statistiken zeigen, dass etwa 30–40 % der Brände mit elektrischer Ursache durch elektrische Lichtbögen an losen Verbindungen oder beschädigten Isolierungen ausgelöst werden. Der Strom, der durch einen seriellen Lichtbogen fließt, liegt meist unter dem Nennstrom des LS-Schalters — ein Lichtbogen von wenigen Ampere auf einem Stromkreis mit einem auf 16A bemessenen LS-Schalter löst nichts aus. Auch der RCD löst nicht aus, da die Ströme in L und N gleich sind. Der Lichtbogen brennt stundenlang im Stillen und überhitzt die umliegenden brennbaren Materialien.

Ein konkretes Beispiel: Eine gelockerte Verbindung an einer alten Steckdose kann einen intermittierenden seriellen Lichtbogen von 2–3A erzeugen. Der 16A-LS-Schalter spürt nichts. Mit der Zeit verkohlt die Hitze Kunststoff, Holz oder Papier und löst einen Brand aus. Holzbauten (alte Häuser, Dachstühle, Dachböden) und Gebäude mit brennbarer Tragstruktur sind besonders gefährdet.

Häufige Ursachen für Fehlerlichtbögen in Wohnungsinstallationen:

  • Unter einer Schraube oder von Möbeln eingeklemmte Leiter (Isolationsschaden)
  • Lose Verbindungen in Dosen, Verteilern oder Steckdosen (intermittierender Kontakt)
  • Bei Renovierungen beschädigte Kabel (Bohren, mechanisches Scheuern)
  • Abgenutzte Isolierung an alten Kabeln oder an flexiblen Abschnitten
  • Nagetiere, die die Kabelisolierung annagen
  • In Dosen oder Steckdosen eingedrungene Feuchtigkeit
  • Steckdosen mit defekten oder falsch montierten Steckern

Was ein Fehlerlichtbogen ist

Ein elektrischer Lichtbogen ist eine kontinuierliche elektrische Entladung durch ein gasförmiges Medium — das ionisierte Plasma kann in Niederspannungsanlagen über 6.000°C erreichen, genug, um jedes nahe brennbare Material sofort zu entzünden. Fehlerlichtbögen treten in drei Formen auf:

Serieller Lichtbogen — Fehler an einem einzelnen Leiter
Serieller Lichtbogen
Ein einzelner beschädigter Leiter.
Unter 20A — der LS-Schalter reagiert nicht.
Paralleler Lichtbogen Live-Neutral — Fehler zwischen Außenleiter und Neutralleiter
Paralleler Lichtbogen L–N
Beeinträchtigte Isolierung zwischen Außen- und Neutralleiter.
Paralleler Lichtbogen Live-Earth — Fehler zwischen Außenleiter und PE
Paralleler Lichtbogen L–PE
Lichtbogen zwischen Außenleiter und Schutzleiter.

Abb. 1 — Die drei vom AFDD erkannten Arten von Fehlerlichtbögen

Der Unterschied zum „normalen“ Lichtbogen (dem beim Öffnen eines LS-Schalters oder Relais):

  • Der Schaltlichtbogen (LS-Schalter, Relais): dauert wenige Millisekunden, die Lichtbogenlöschkammer steuert ihn gezielt
  • Der Fehlerlichtbogen: anhaltend, intermittierend, tritt an unerwarteten Stellen auf (Dosen, Steckdosen, hinter Geräten), nicht löschbar ohne Abschalten des Stroms

Wie der AFDD den Lichtbogen erkennt

Das Grundprinzip: ein elektrischer Lichtbogen erzeugt hochfrequentes elektromagnetisches Rauschen (100 kHz – 1 MHz), das der 50-Hz-Sinuskurve überlagert ist. Dieses Rauschen tritt besonders an den Nulldurchgängen der Sinuskurve auf — dem Moment, in dem der Lichtbogen erneut zünden kann. Der AFDD erfasst den Stromkreisstrom über einen Stromwandler (CT oder Rogowski-Spule), filtert die 50-Hz-Komponente heraus und analysiert digital, was übrig bleibt.

Stromkurve: normal vs. mit FehlerlichtbogenNormaler Strom (ohne Lichtbogen)Saubere Sinuskurve, Frequenz 50HzStrom mit FehlerlichtbogenHF-Rauschen(100kHz – 1MHz)Verzerrte Sinuskurve mit hochfrequentenSpikes bei jedem NulldurchgangDer AFDD analysiert:✓ Die 50-Hz-Grundkomponente (die normale Last)✓ HF-Komponenten 100kHz–1MHz (die Lichtbogensignatur)✓ Diskontinuitäten an den Nulldurchgängen (serieller Lichtbogen)✓ Pattern-Matching-Algorithmus (vermeidet Fehlauslösungen)
Abb. 3 — Der elektrische Lichtbogen führt hochfrequentes Rauschen (100 kHz – 1 MHz) ein, das der 50-Hz-Sinuskurve überlagert ist

Ein DSP (Digitaler Signalprozessor) führt Pattern-Matching-Algorithmen aus, die die Signatur eines Lichtbogens erkennen und sie vom Rauschen normaler Lasten (Dimmer, Motoren, Schaltnetzteile) unterscheiden. Stimmt die Signatur mit einem Fehlerlichtbogen überein, befiehlt der AFDD das sofortige Auslösen des Stromkreises.

Der innere Aufbau eines AFDD

Ein kompakter AFDD mit kombinierter Funktion (AFDD + RCBO) vereint mehrere unterschiedliche physikalische Mechanismen:

AFDD-Querschnitt — innere Bauteile beschriftet
Abb. 2 — Querschnitt eines AFDD mit kombinierter Funktion: zu sehen sind die Rogowski-Spule (HF-Sensor), der Differenzstrom-Ringkern (RCD 30mA), die PCBA-Platine (DSP-Prozessor + Algorithmus), die Lichtbogenlöschkammer und der thermische Bimetallmechanismus.

Die Schlüsselbauteile in einem modernen AFDD:

  • Die Rogowski-Spule — ein Stromsensor mit Ansprechen im HF-Bereich (100kHz–1MHz); sie erfasst die Lichtbogensignatur, ohne durch den netzfrequenten Strom gesättigt zu werden
  • Die PCBA-Platine mit DSP-Mikroprozessor — führt die Analog-Digital-Wandlung durch und betreibt den Erkennungsalgorithmus; sie speichert die Profile normaler Lasten zur Unterscheidung
  • Das Auslöserelais — vom Mikroprozessor angesteuert; es trennt den Stromkreis innerhalb einiger zehn Millisekunden
  • Der Differenzstrom-Ringkern (in kombinierten Ausführungen) — erkennt den Fehlerstrom von 30mA, identisch wie im RCCB/RCBO
  • Der Bimetallstreifen (in kombinierten Ausführungen) — thermische Auslösung bei Überlast, identisch wie im LS-Schalter
  • Die Lichtbogenlöschkammer — löscht den Schaltlichtbogen beim Trennen, wie in jedem LS-Schalter
AFDD-Blockschaltbild — von den elektrischen Größen zum Stellglied
Abb. 3 — Die Signalverarbeitungskette: Elektrische Größen → Analoge Messung → A/D-Wandlung → Digitale Verarbeitung (Algorithmus) → Entscheidung → Auslösebefehl → Elektromechanisches Stellglied.
AFDD-Innenarchitektur — Bauteildiagramm mit Abmessungen
Abb. 4 — Detaillierte Innenarchitektur: der Mikroprozessor-Chip (Microchip), die Stromsensorspule, ein Widerstand und ein Kondensator zur Filterung, das Auslöserelais und der elektromechanische Mechanismus — alles in 50×50×15mm.

Abschaltzeiten gemäß IEC 62606

Die Norm IEC 62606 (SR EN 62606 in Rumänien) schreibt maximale Abschaltzeiten je nach Lichtbogenstrom vor — je stärker der Lichtbogen, desto schneller muss der AFDD reagieren:

LichtbogenstromMaximale AbschaltzeitAnmerkung
2,5 A1,0 SekundeSchwacher Lichtbogen, der LS-Schalter reagiert nicht
5 A0,5 SekundenMäßiger Lichtbogen, weiterhin unsichtbar für 16A-LS-Schalter
10 A0,25 SekundenHohe Energie — Entzündungsgefahr
32 A120 MillisekundenParalleler Lichtbogen hoher Intensität

Die Norm berechnet die Gesamtenergie des Lichtbogens, um die Brandgefahr zu bewerten. Der AFDD reagiert nicht beim ersten „Verdacht“, sondern erst, wenn die angesammelte Energie die Gefahrenschwelle überschreitet — so werden Fehlauslösungen durch zufällige Funken vermieden.

Die Herausforderung der Fehlauslösungen

Das Kernproblem beim Entwurf eines AFDD ist die Vermeidung von Fehlauslösungen. Einige normale Lasten erzeugen HF-Rauschen ähnlich dem eines Lichtbogens:

  • Dimmer (Triac) — schneiden die Sinuskurve bei einem gesteuerten Winkel an und erzeugen HF
  • Elektromotoren — Funken am Kollektor (Bürste) oder an den Kontakten der Anlaufrelais
  • Schaltnetzteile (SMPS) — arbeiten gezielt bei zehn bis hundert kHz
  • Föhne, Staubsauger — Universalmotor mit Bürsten
  • Wechselrichter und Schnellladegeräte — abrupte Spannungsübergänge

AFDDs gemäß IEC 62606 verfügen über Datenbanken mit Profilen normaler Lasten und schließen sie von der Analyse aus. Die Norm fordert eine Fehlauslöserate unter 1 pro 6 Monate unter normalen Betriebsbedingungen.

Wo der AFDD eingebaut wird: Auf jedem einzelnen Stromkreis — nicht ein einzelner auf der Hauptzuleitung. Ein AFDD auf der Hauptzuleitung sieht das Rauschen aller Lasten zusammen und kann nicht korrekt unterscheiden. Ein AFDD pro Stromkreis sieht nur die für diesen Stromkreis spezifischen Lasten und kann den Algorithmus entsprechend kalibrieren.

Integrationsvarianten im Verteiler

IEC 62606 erlaubt drei Methoden zur Integration der AFDD-Funktion im Verteiler:

TypEnthaltene SchutzfunktionenDIN-Module
AFDD eigenständigNur Fehlerlichtbogenerkennung — erfordert einen separaten LS-Schalter vorgeschaltet1 Modul + separater LS-Schalter
AFDD + MCB (integriert)Fehlerlichtbogen + Überstrom + Kurzschluss2 Module
AFDD + RCBO (integriert)Fehlerlichtbogen + Fehlerstrom 30mA + Überstrom — vollständiger Schutz2 Module (kompakt)

Die Variante AFDD + RCBO ist die vollständigste: ein einziges 2-Modul-Gerät bietet Schutz vor Lichtbögen (AFDD), elektrischem Schlag (RCD 30mA) und Überströmen (LS-Schalter). Es ersetzt drei separate Geräte und spart Platz im Verteiler.

Wichtig: AFDDs gemäß IEC 62606 funktionieren ausschließlich an AC-Stromkreisen. Sie können nicht an DC-Stromkreisen verwendet werden (z. B. Photovoltaikanlagen, DC-EV-Ladegeräte), da die Erkennungsalgorithmen auf den Nulldurchgängen der Sinuskurve beruhen, die im Gleichstrom fehlen.

Wo er empfohlen/vorgeschrieben ist

Die Norm IEC 60364-4-42 empfiehlt oder schreibt einen AFDD an den Endstromkreisen (Steckdosen ≤32A) vor in:

  • Schlafzimmern — in Wänden verborgene Kabel, brennbare Materialien (Matratzen, Teppiche, Vorhänge)
  • Wohnzimmern und Büros — hohe Gerätedichte, stark belastete Steckdosen
  • Gebäuden mit brennbarer Tragstruktur — Holzhäuser, Dachböden, Dachstühle
  • Bereichen mit hoher Brandgefahr — Lager mit brennbaren Materialien, Sammlungen unersetzbarer Güter
  • Wohnungen vom Typ HMO (Houses in Multiple Occupation) und Studentenwohnheime
  • Hohe Wohngebäude (über 18m oder 6 Geschosse) — eine UK-Vorschrift seit 2022, ein Vorbild für künftige europäische Aktualisierungen

Normative Referenz — die Aktualisierungen 2023

Die internationale Norm für AFDDs ist IEC 62606 (SR EN 62606 in Rumänien), die die Leistungsanforderungen, die Prüfverfahren und die Erkennungsschwellen festlegt.

Die Aktualisierungen 2023 zur I7-2011 führen den AFDD als Anforderung für neue Wohngebäude ein. Gemäß den am Normativ vorgenommenen Änderungen wird der Einbau eines AFDD an den Stromkreisen in Schlaf- und Wohnzimmern in Neubauten empfohlen, mit stufenweiser Umsetzung. Autorisierte Elektriker müssen den vollständigen Text der Aktualisierungen 2023 heranziehen, um die genaue Verbindlichkeit zum Zeitpunkt des Projekts festzulegen.

Empfohlene vorrangige Stromkreise: Schlafzimmer, Wohnzimmer, Büro — Bereiche, in denen Kabel ohne Sicht in Wänden verlaufen und in denen brennbare Materialien vorhanden sind.

Er ersetzt den RCD nicht! Der AFDD erkennt nicht den Fehlerstrom gegen Erde (elektrischen Schlag). Ein Stromkreis mit einem eigenständigen AFDD, aber ohne RCD 30mA erfüllt nicht die I7-Anforderungen zum Personenschutz. AFDD und RCCB/RCBO sind ergänzende Schutzfunktionen — keine Alternativen. Die empfohlene Lösung ist ein integrierter AFDD + RCBO.

ElectroSchema

Die AFDD-Unterstützung im Verteiler von ElectroSchema ist im Backlog geplant. Sobald sie umgesetzt ist, lässt sich der AFDD auf einzelnen Stromkreisen im visuellen Verteiler platzieren und wird in die Konformitätsprüfung gegenüber den Aktualisierungen 2023 zur I7-2011 einbezogen, einschließlich einer automatischen Warnung für Schlafzimmerstromkreise ohne AFDD.

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