RelaisSpannungPhasenThermischVerteilerkasten

Das Schutzrelais: Typen und Einsatz in Wohninstallationen

MCB, RCCB, RCBO, AFDD — sie alle sind Schutzgeräte mit spezifischen Funktionen. Schutzrelais bilden eine eigene Kategorie: Sie schützen nicht die Leiter, sondern die Geräte und Maschinen vor gefährlichen Betriebszuständen. Traditionell treten sie im Wohnbereich seltener auf, in genau definierten Situationen, in denen sie unentbehrlich sind — doch das Multifunktionsrelais findet zunehmend Einzug in Wohnstromkreise, als einheitliche Lösung zur Überwachung und zum Schutz der gesamten Installation.

8. Juni 2026·10 Min. Lesezeit·
Multifunktionales Schutz- und Überwachungsrelais auf Hutschiene mit LED-Anzeige der Netzspannung
Abb. 0 — Ein multifunktionales Schutz- und Überwachungsrelais für den Wohnbereich: Hutschienenmodul mit LED-Anzeige der Netzspannung, einstellbaren Schwellwerten und einem Ausgangskontakt, der die Abschaltung der Last steuert

Was ein Relais ist — das Grundprinzip

Ein elektrisches Relais ist ein elektromagnetisch gesteuerter Schalter: Ein kleiner Strom (Steuerstrom) erregt eine Spule, die ein Magnetfeld erzeugt, das wiederum einen metallenen Anker bewegt, der die Kontakte eines Leistungsstromkreises (hoher Strom) öffnet oder schließt.

Der grundlegende Wert des Relais ist die galvanische Trennung zwischen dem Steuer- und dem Leistungsstromkreis — ein Sensor mit 12V DC kann einen 230V-AC-Stromkreis ganz ohne direkte elektrische Verbindung schalten.

Elektromagnetisches Relais — FunktionsprinzipSteuerstromkreis (kleiner Strom, 12–24V DC)SpuleelektromagnetischAnkerbeweglicher Kontaktfester KontaktLeistungsstromkreis (hoher Strom, 230V AC)↑ offenLast (Pumpe, Motor,Schütz, Alarm...)Die kleine Spule steuert Kontakte, die den großen Leistungsstromkreis schalten — vollständige galvanische Trennung
Abb. 1 — Das elektromagnetische Relais: Die kleine Spule (12–24V DC) betätigt Kontakte, die den Leistungsstromkreis (230V AC) schalten

Moderne Relais gibt es in vielen Ausführungen: elektromechanisch (Spule + physischer Anker), statisch (mit Halbleitern) und numerisch/digital (mit Mikroprozessor). Im Wohnbereich sind elektromechanische Relais und statische Relais mit Komparator am häufigsten.

1. Das Spannungsrelais (UV/OV-Relais)

Das Spannungsrelais überwacht die Netzspannung und schaltet die Last ab, wenn die Spannung ein einstellbares Band verlässt (in der Regel ±10% der Nennspannung von 230V, also 207–253V gemäß EN 50160).

Das Spannungsrelais — Überwachung U_min / U_maxNormalbereich: 207V – 253V (230V ±10%)U_max 253VU_min 207V⚠ UNTERSPANNUNGRelais schaltet die Last ab⚠ ÜBERSPANNUNGBeim Verlassen des Bandes → Relais löst aus + Rückkehrverzögerung (Hysterese)Typisch: 5–15s vor der Wiederzuschaltung (schützt AC-Kompressoren)
Abb. 2 — Das Spannungsrelais überwacht U und schaltet die Last ab, wenn sie das ±10%-Band um die Nennspannung 230V verlässt

Wovor es konkret schützt:

  • Unterspannung (Brownout) — Elektromotoren (Pumpen, AC-Kompressoren) überhitzen, wenn sie bei reduzierter Spannung laufen: Der Strom steigt mit 1/U und die Wärme mit I²
  • Überspannung — elektronische Geräte und LEDs sind empfindlich; eine Überspannung von 10% kann die Lebensdauer drastisch verkürzen oder die Geräte zerstören
  • Spannungsrückkehr nach einem Ausfall — das Relais mit Verzögerung (typisch 3–15 Sekunden) schützt AC-Kompressoren vor vorzeitigem Wiederanlauf, bevor sich der Druck ausgeglichen hat
Praktische Anwendung im Wohnbereich: Das Spannungsrelais ist Standard an den Wechselrichtern von Photovoltaikanlagen (es trennt den Wechselrichter, wenn das Netz die Parameter verlässt), an Notstromaggregaten und an Anlagen mit Tauchpumpe (wo Spannungsschwankungen bei großen Entfernungen zum Transformator häufig sind).

2. Das Phasenüberwachungsrelais (dreiphasig)

Für dreiphasige Wohninstallationen (Pumpen, große Klimazentralen, Werkstätten) prüft das Phasenüberwachungsrelais gleichzeitig alle drei Phasen und löst bei jeder Anomalie aus, die die Motoren beschädigen könnte.

Phasenüberwachungsrelais — was es prüftL1 (R)L2 (S)⚡ PHASENAUSFALLL3 (T)Phasen-überwachungs-relaisErkennt:• Phasenausfall (phase loss)• Falsche Reihenfolge R-S-T• Spannungsasymmetrie > 5%• Unterspannung auf einer Phase• Überspannung auf einer Phase→ trennt Motor/PumpeSchützt Drehstrommotoren vor kostspieligen Schäden durch NetzunsymmetrienPflicht bei Poolpumpen, Klimazentralen, Wohnaufzügen
Abb. 3 — Das Phasenüberwachungsrelais erkennt Ausfall, falsche Reihenfolge und Asymmetrie der drei Phasen

Die häufigsten Schäden, die es verhindert:

  • Phasenausfall (phase loss) — das gefährlichste Szenario: Der Drehstrommotor versucht, auf 2 Phasen zu laufen, der Strom steigt auf das 1,7–2-Fache des Normalwerts, die Wicklung brennt in Minuten durch
  • Falsche Reihenfolge (Phasenvertauschung) — Motoren mit vorgegebener Drehrichtung (Pumpen, Aufzüge, Zentrifugalventilatoren) können mechanisch brechen oder überfluten, wenn sie rückwärts laufen
  • Spannungsasymmetrie — eine Unsymmetrie von 3–5% in den Spannungen erzeugt eine Unsymmetrie von 15–25% in den Strömen (wegen der niedrigen Impedanz des Motors), was die Wicklung überhitzt

3. Das thermische Relais (Motorüberlast)

Das thermische Relais ist dem Schutz von Elektromotoren vor anhaltenden Überlasten gewidmet. Anders als der MCB ist das thermische Relais einstellbar (Potentiometer) und hat eine Strom-Zeit-Kennlinie, die der thermischen Charakteristik des geschützten Motors näher kommt.

Es arbeitet nach demselben Prinzip wie das Bimetall im MCB, aber für hohe Ströme ausgelegt und mit Feineinstellung. Im Wohnbereich tritt es auf bei:

  • Pool- oder Bewässerungspumpen (Motoren 0,5–2,2 kW)
  • Motoren für automatische Tore und Garagenautomatisierung
  • Industrieventilatoren in Werkstätten oder Gewächshäusern
  • Luftkompressoren für den Hausgebrauch
RelaistypWas es überwachtTypische Anwendungen im Wohnbereich
SpannungsrelaisU_min / U_max einphasigPV-Wechselrichter, Notstromaggregat, Tauchpumpe
PhasenrelaisVorhandensein, Reihenfolge, Asymmetrie L1-L2-L3Drehstrommotor, Poolpumpe, große Klimaanlage
Thermisches RelaisMotorüberlaststromBewässerungspumpen, automatisches Tor, Kompressor
StromrelaisStromausfall (Pumpe läuft ohne Wasser)Tauchpumpen (Trockenlaufschutz)

Relais vs. MCB — der wesentliche Unterschied

Der MCB schützt die Leiter und den Stromkreis — er löst aus, wenn der Strom die thermische Belastbarkeit des Kabels überschreitet. Das Schutzrelais schützt das angeschlossene Gerät — es löst aus, wenn die Betriebsparameter des Geräts (Spannung, Phasenausgewogenheit, Temperatur) das normale Betriebsband verlassen.

Ein Motor kann jahrelang mit einem Strom unter der MCB-Grenze laufen, aber mit leicht unsymmetrischer Spannung — und er wird allmählich durchbrennen, ohne dass der MCB ein Problem bemerkt. Das Schutzrelais bemerkt es.

Verschaltung im Stromkreis: Das Schutzrelais wird nicht anstelle des MCB eingebaut — sondern neben ihm. Das typische Schema: MCB (Stromkreisschutz) → Schütz (Leistungsschalter) → Motor, wobei das Relais die Schützspule ansteuert. Beim Auslösen öffnet das Relais das Schütz, nicht den MCB.

Das numerische/digitale Relais

Moderne Schutzrelais sind eigentlich kleine Mikroprozessoren, die die elektrischen Parameter in Echtzeit messen und konfigurierbare Algorithmen anwenden. Gegenüber den elektromechanischen:

  • Digital einstellbare Schwellwerte (kein Potentiometer)
  • Speichern die letzten N Auslösungen mit Zeitstempel und Ursache
  • RS485/Modbus-Kommunikation mit Automatisierungs- und Home-Automation-Systemen
  • Mehrere Funktionen im selben Gehäuse (Spannung + Phasen + Frequenz + Leistung)
Querschnitt des inneren Aufbaus eines digitalen multifunktionalen Schutzrelais, mit Funktionsblöcken und der Liste der Schutzfunktionen
Abb. 4 — Der innere Aufbau eines digitalen Multifunktionsrelais: das Schaltnetzteil, der Messkreis (U/I/P), der Entscheidungs-Mikrocontroller, der Treiber und das Ausgangsrelais — sowie die im selben Modul integrierten Schutzfunktionen (UVP, OVP, OTP, Differenzstrom, Phasenvertauschung/-ausfall, Reihenfolge, Leistung, Leistungsfaktor, Leckstrom)

Das Multifunktionsrelais — ein Modul, alle Schutzfunktionen

Im Wohnbereich ist die heute vorherrschende Form nicht mehr das Relais mit nur einer Funktion, sondern das multifunktionale Schutz- und Überwachungsrelais (Abb. 0 und Abb. 4): ein Modul von 1–2 TE, das alle oben beschriebenen Funktionen in einem Gehäuse vereint.

Zweck und Rolle in der Installation: Es überwacht laufend die Spannung, den Strom und (bei dreiphasigen Modellen) die Phasenausgewogenheit, vergleicht die Messwerte mit einstellbaren Schwellwerten und steuert bei Überschreitung über einen Ausgangskontakt (typisch bis 40–63 A) die Abschaltung der Last — direkt oder über ein Schütz. Praktisch ersetzt es eine Reihe separater Relais (Spannung + Phasen + thermisch) durch ein einziges Gerät, das:

  • misst ständig U, I, P und den Leistungsfaktor — und sie auf der Front-LED anzeigt
  • schützt bei Unter-/Überspannung (UVP/OVP), thermischer Überlast (OTP), Phasenausfall und falscher Phasenreihenfolge, Mindest-/Höchstleistung und Leckströmen (mit externem Ringkern)
  • verzögert die Wiederzuschaltung nach der Rückkehr in die Parameter (es schützt Kompressoren und Pumpen vor vorzeitigem Wiederanlauf)
  • speichert die Ereignisse und meldet sie bei Modellen mit USB/Modbus an die Automatisierung

Die Kosten eines numerischen Relais mit Modbus-Kommunikation (50–150 EUR) sind für Häuser mit Photovoltaikanlagen, Notstromaggregaten oder komplexen technischen Installationen gerechtfertigt.

Normative Referenz

In I7-2011 erscheint das Relais nicht als eigenständiges „Schutzgerät" (wie MCB/RCCB), sondern als funktionales Steuer- (Schalt-)Gerät, behandelt im Unterkapitel 5.3.4.5 — „Geräte zum Trennen (Abtrennen), Schalten und Steuern". Dort nennt Art. 5.3.4.5.3.2 b) es ausdrücklich unter den Mitteln des funktionalen Schaltens:

„[…] das funktionale Schalten kann mittels Schaltern, Halbleitergeräten, Schützen, Relais, Steckdosen mit einem Nennstrom von höchstens 16 A erfolgen."— I7-2011, Art. 5.3.4.5.3.2 b)

Die Rolle dieser Geräte ist in Art. 5.3.4.5.0.1 definiert: Die Maßnahmen zum „Trennen (Abtrennen), Schalten und nicht-automatischen Steuern […] werden zum Zweck der Verhütung oder Vermeidung von Gefahren der Verletzung von Personen oder der Beschädigung (Zerstörung) der Geräte in elektrischen Anlagen verwendet" — genau die Funktion des Schutzrelais: Es schützt nicht das Kabel, sondern das Gerät.

Wie das Relais die Abschaltung tatsächlich steuert, ist in Art. 5.3.4.5.2.4 beschrieben:

„Leistungsschalter, Schütze usw. werden aus der Ferne über den Taster (Schalter) geöffnet, der im Auslösekreis der Spule wirkt."— I7-2011, Art. 5.3.4.5.2.4

Mit anderen Worten: Das Relais unterbricht den Leistungsstromkreis nicht selbst, sondern steuert die Spule eines Schützes an — das Schema im Kasten oben. Die Produktnormen für Schutzrelais stammen aus der Reihe IEC 60255, und Spannungsrelais für Generatoren und Photovoltaikanlagen erfüllen zusätzlich die Anforderungen an den Netzanschluss (EN 50549).

ElectroSchema

Im visuellen Verteilerkasten in ElectroSchema können Schutzrelais (Spannung, Phasen, thermisch) als Geräte vom Typ EPD auf den Hutschienen platziert werden. Die spezifischen Eigenschaften (Spannungsschwellwerte, Typ des geschützten Motors) sind im Eigenschaftenpanel konfigurierbar. Die Relais sind im BOM enthalten und im abgesetzten Schaltplan als Steuerelement vor dem Schütz sichtbar.

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